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Große Träume, harte Realität

Bericht und Fotos von Peter Lemieux

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Die Traditionen des Hauptcampus der Universität Addis Abeba, Sidist Kilo, mögen nicht mit jenen der Rive Gauche von Paris oder des Harvard Square von Cambridge (Massachusetts) konkurrieren können. Doch an diesem späten De-zembernachmittag, bevor die kalte Nachtluft von Addis Abeba die Möglichkeiten der Fußgänger erheblich einschränkt, bietet sich dem Betrachter sicherlich ein Anblick mit einem ganz ähnlichen Flair. Straßenverkäufer bringen den Rest ihrer Zei- tungen an den Mann. Blaue und weiße Kleinbusse wetteifern miteinander um Passagiere. Schmudde-lige Schuhputzer werben einen letzten Kunden an. Und Buchhändler stehen hinter ihrer mit Lehr-büchern bedeckten Abdeckplane und preisen ihren Vorrat an. Inmitten dieses geschäftigen Treibens laufen Gruppen von Studenten – die klügsten jungen Köpfe Äthiopiens – umher, plaudern miteinander und schmieden Pläne.

Getachew Tamiru, ein schlanker 21-Jähriger mit selbstsicherem Auftreten, passt gut ins Bild. Trotz seiner Herkunft vom Lande, strahlt er eine weltmännische Gewandtheit aus. Er schleppt eine schwere Schultertasche mit sich, versendet Kurznachrichten auf seinem Mobiltelefon und begrüßt Freunde mit markantem Händeschütteln. Er lächelt oft und lacht auch herzlich. Äußerlich sieht man Herrn Geta-chew, ebenso wie seinen Freunden, nichts von den vielen Entbehrungen des Lebens an.

Bei Sonnenuntergang schlendern er und seine Kommilitonen die schwach beleuchtete Algerien-straße entlang und setzen sich in ein nahe gelegenes Café. Dort genießen sie ein aus Kaffee-trinken und Gesprächen bestehendes Sonntag-abendritual. Während sie Latte Macchiatos schlürfen, die aus den feinsten Kaffeebohnen Äthiopiens hergestellt werden (diese übertreffen alles, was Les Deux Magots oder das Café de Flore in Paris servieren), führen sie philosophische Gespräche über die vielen Tagesfragen – aus Politik, Religion, universitärem Leben, Globalisierung, Beziehungen und Familie. Doch das am häufigsten und mit der größten Dringlichkeit vorgebrachte Thema ist das der Beschäftigung. Ihre Existenzangst ist spürbar.

Getachew Tamiru, der unlängst sein Studium der Journalistik und des Nachrichtenwesens abgeschlos-sen hat, legt dar, warum er vor kurzem an einer Informationsveranstaltung über den Prozess der Visumsbeantragung für Studenten an der Botschaft der Vereinigten Staaten teilgenommen hat. Ange-sichts seiner augenblicklichen Optionen sehnt er sich, ebenso wie die Mehrheit seiner Kommilito- nen, nach einem Auslandsaufenthalt. Er braucht das Geld und die Arbeitserfahrung. Allerdings beharrt er darauf, eines Tages zurückkehren und seinem Land helfen zu wollen.

„In der Region, aus der ich komme, gibt es keine Stellenangebote“, erklärt Herr Getachew, der aus einem Landstädtchen im Westen Äthiopiens, knapp 600 km von der Hauptstadt entfernt, stammt. „Und dort gibt es für mich keine Arbeitsstellen. Ich habe mein Studium als Drittbester von hundert Studenten abgeschlossen, und mir wurde dafür eine sehr hohe akademische Auszeichnung verliehen. Aber was kann ich jetzt damit anfangen?“



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Tags: Ethiopia Education Economic hardships Employment Diversity